Hartmut Stadtler
Ecke Hochstr./Konkordiastr.
Hartmut wurde 1941 in der „Kinderfachabteilung“ Aplerbeck (Dortmund) ermordet. Er war 2 Jahre alt. Er ist eins der mehr als 20 Hagener Kinder, die im Rahmen der „Kindereuthanasie“ ermordet wurden.
Das behinderte Kind Hartmut Stadtler, geb. 1940, wohnte mit seinen Eltern in der Konkordiastraße. Im Mai 1942 wurde Hartmut in der Kinderklinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf untersucht und beim Gesundheitsamt Hagen gemeldet. Ob es tatsächlich stimmte, „dass die Eltern Wert auf eine schnelle Unterbringung in einer Anstalt“ legten, wie im Befund des Düsseldorfer Arztes steht, lässt sich nicht mehr überprüfen: Auch die Zwangssterilisationen wurden oft als freiwillige Eingriffe dargestellt.
Um den Druck auf die Eltern zu erhöhen, veranlasste das Gesundheitsamt, dass Hartmuts Eltern die Beihilfe für das Kind gestrichen wurde. Der Amtsarzt begründete dies so: „Es wird nicht zu einem brauchbaren Volksgenossen heranwachsen“.
Schließlich wurde Hartmut im Juni 1942 in der „Kinderfachabteilung“ der Klinik in Dortmund-Aplerbeck aufgenommen.
Nach der Einweisung zeigte sich die Mutter besorgt um das Wohlbefinden des Kindes. Zu Recht: Hartmut starb schon am 15.10.1942, offiziell in den frühen Morgenstunden an „Herzschwäche“. Möglicherweise wurde er mit dem Medikament Luminal getötet.
2022 verlegten Hagener SchülerInnen einen Stolperstein vor Hartmuts Wohnung.

Hartmut Stadtler, Patientenakte, 1942
Archiv LWL, Bestand 653-1/239
Hartmut Stadtler wurde 1942 in der „Kinderfachabteilung“ Dortmund-Aplerbeck ermordet. Einige Details seiner Krankenakte sind besonders berührend. Er hatte zwar mit einer Behinderung zu leben, entwickelte sich aber trotz der widrigen Umstände und der fehlenden Förderung weiter, wie die wenigen Eintragungen zeigen: „Hartmut wurde vom Vater gebracht. Er fasste den Wechsel nicht, hatte gleich erhöhte Temp.“ (8.6.1942). In den nächsten zwei Wochen war das Kind verständlicherweise apathisch, leise und spielte nicht, aber bald rappelte es sich auf: „Steht stundenweise auf, macht im Laufstall die ersten Versuche.“ (28.8.1942) „Hat an Gewicht noch zugenommen. Ist munter und freut sich, wenn er nach draußen kommt.“ (2.9.1942) „... lebhaft geworden, freut sich, wenn man sich mit ihm beschäftigt.“ (7.9.1942) „Fieber, […] morgens tot“ (12.10.1942).

Wohnung von Hartmut Stadtler, Ecke Konkordiastraße/ Bergstraße, 2025
Benno Arias Viebahn
Über 300 Menschen mit Behinderung und Kranke wurden in ganz Hagen ermordet, etwa 1000 wurden zwangssterilisiert. Man kann davon ausgehen, dass so gut wie jede/r HagenerIn höchstens wenige Hundert Meter entfernt von dem ehemaligen Wohnort eines Opfers der NS-Eugenik wohnt.

Medizinische Akademie Düsseldorf, 1930
Stadtarchiv Düsseldorf
In dieser Lehranstalt arbeiteten überzeugte Nationalsozialisten, die eifrig die Bevölkerung erfassten, häufig Sterilisationen empfahlen und mit den Kliniken Grafenberg und Galkhausen zusammenarbeiteten, über die Patienten in die „Euthanasie“- Anstalt Hadamar kamen.

Kreishaus (1906), in der NS-Zeit Sitz des Gesundheitsamtes Hagen
Stadtarchiv Hagen
Seit 1939 mussten Hebammen und Kinderärzte Neugeborene und Kleinkinder mit Behinderungen an die Gesundheitsämter melden, die wiederum eine Berliner Behörde informierten. In einigen westfälischen Gesundheitsämtern weigerten sich die Amtsärzte, die Kinder anzuzeigen. In Hagen dagegen war Dr. Scheulen übereifrig.

Mitteilung des Hagener Gesundheitsamtes, 16.6.1942
Stadtarchiv Hagen
Hartmuts Eltern lehnten zunächst die Aufforderung des Hagener Amtsarztes ab, ihr Kind in die „Kinderfachabteilung“ abzugeben. Um den Druck zu erhöhen, veranlasste das Gesundheitsamt, dass das Kindergeld für Hartmut gestrichen wurde. Eltern, die Widerstand leisteten, konnten das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren.

Klinik Dortmund-Aplerbeck um 1917
Stadtarchiv Dortmund
In der „Provinzial- und Heilanstalt Aplerbeck“ wurden in der NS-Zeit mindestens 160 Kinder ermordet, darunter elf aus Hagen. Auch erwachsene Patienten starben hier an Hunger und Vernachlässigung oder wurden von Aplerbeck aus in Todesanstalten deportiert. Der Anstaltsfriedhof, auf dem die Kinder beerdigt wurden, wurde 1976 eingeebnet. Seit 1991 erinnert ein Mahnmal vor der heutigen Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe an sie.

Hartmut Stadtler, Patientenakte, 1942
Archiv LWL 653-1/239
In Aplerbeck wurden die Kinder vor ihrer Ermordung fotografiert und untersucht. Mit den Daten sollten Studien über „Minderwertige“ durchgeführt werden. Außerdem wollte man zu einem späteren Zeitpunkt ihre Verwandten überprüfen und gegebenenfalls auch ermorden oder zwangssterilisieren. Nur die deutsche Niederlage 1945 ersparte ihnen die Verfolgung.

Medikament Luminal, ohne Datum
Medizinhistorisches Museum Hamburg
Eine Überdosierung des Medikaments Luminal verursachte tödliche Lungenentzündungen oder Herzmuskelprobleme, wie erwünscht. Andere Kinder verhungerten oder verdursteten. Die Entscheidung, die Kinder zu ermorden, wurde manchmal von Mitarbeitern einer Berliner Zentralstelle getroffen, die die Kinder nie untersucht hatten, und in anderen Fällen von den Ärzten vor Ort. Diese verbargen den Mord mit erfundenen Akteneintragungen.

Dr. Theodor Niebel, Personalakte, undatiertes Bild
Archiv LWL, Bestand 132/1121
Der ehemalige Leiter der „Kinderfachabteilung“ Dr. Niebel war bis 1968 in Aplerbeck tätig. Als er 1957 eine Beförderungsstelle bekam, wurde in der Begründung notiert, dass er sich in der NS-Zeit in der Kinderfachabteilung gut bewährt habe: „Während seiner langjährigen Tätigkeit in der hiesigen Anstalt hat sich Dr. Niebel aller Sonderaufgaben, die ihm neben seiner ärztlichen Tätigkeit als Anstaltsarzt gestellt wurden, mit besonderen Geschick und mit Sorgfalt entledigt. So hat er die recht schwierige Kinder- und Säuglingsabteilung bis zu ihrer Auflösung allein geführt.“ In der NS-Sprache bedeuteten die Begriffe „Sonderaufgabe“ und „Sonderaktion“ immer Massentötung. Dies war in den fünfziger Jahren noch bekannt.

NRW-Landtagsabgeordnete Ina Blumenthal bei der Stolpersteinverlegung, 2.12.2022
Hagener Geschichtsverein
Der Hagener Geschichtsverein verlegte 2022 einen Stolperstein vor Hartmuts Wohnung. Rudolf Damm, auf dem Foto sitzend und selbst Vater eines Kindes mit Behinderung, und die Hagener Landtagsabgeordnete Ina Blumenthal, auf dem Foto mit dem Mikro, erinnerten daran, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr ermordet werden, aber alltäglich Opfer von Diskriminierung sind.

Stolperstein für Hartmut Stadtler, 2025
Benno Arias Viebahn
Am 2.12.2022 wurden Stolpersteine für Hartmut und weitere Opfer der NS-Eugenik verlegt, nämlich für Martha Wassermann und Gerda Oberbeck, die zwangssterilisiert wurden.
Ich will mehr wissen:
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Ausstellung „Behinderung im Wandel der Zeit, 2021
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Ausstellung „Gegen das Vergessen“, 2025
- Pablo Arias Meneses, Vergessene Opfer. NS-Euthanasie in Hagen, Hagen 2019, S. 42-51.
- Franz-Werner Kersting, Anstaltsärzte zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik. Das Beispiel Westfalen, Paderborn 1996, S. 328-330.
