Gesundheitsamt
Kreishausstraße 1 (Gebäude zerstört)
Das Gesundheitsamt war die entscheidende Stelle bei der Verfolgung von Kranken und Menschen mit Behinderung, aber auch „Asozialen“, Homosexuellen und anderen Gruppen.
Ab 1934 wurden im Deutschen Reich flächendeckend Gesundheitsämter gegründet. Im Ruhrgebiet, auch in Hagen, waren sie häufig kommunale Behörden. Für die Stadt Hohenlimburg und die Gemeinde Dahl waren damals die Gesundheitsämter des Landkreises Iserlohn bzw. des Ennepe-Ruhr-Kreises zuständig.
Die Hauptaufgabe der Gesundheitsämter war die Durchsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (1933). Aufgrund dieses Gesetzes wurden ca. 1000 HagenerInnen zwangssterilisiert.
Die Gesundheitsämter waren die zentrale Instanz bei der Verfolgung von Menschen mit Behinderung und Kranken. Sie spielten aber auch eine wichtige Rolle bei der Verfolgung von Homosexuellen, Sinti und Roma, Juden, Zwangsarbeitern und sozial Benachteiligten und Unangepassten (sogenannte „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“). Weitere städtische Behörden beteiligten sich aktiv an der Verfolgung, vor allem das Standesamt, die sozialen Dienste der Stadt und die Ordnungspolizei, damals dem Oberbürgermeister unterstellt.
Nach 1945 wurde kein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes zur Rechenschaft gezogen. Die personelle und ideologische Kontinuität prägte das Amt bis in die 1970er Jahre.

Kreishaus (1906), in der NS-Zeit Sitz des Gesundheitsamtes Hagen
Stadtarchiv Hagen
Das Gesundheitsamt wurde bis 1938 von Dr. Weber geleitet, der auch als Richter im Hagener Erbgesundheitsgericht tätig war. Als Amtsarzt beantragte er die Zwangssterilisierung von „Minderwertigen“. Als Laienrichter entschied er über Sterilisierungsanträge. Auch sein Nachfolger Dr. Scheulen übernahm beide Aufgaben gleichzeitig.

Kreishaus (1906), in der NS-Zeit Sitz des Gesundheitsamtes Hagen
Stadtarchiv Hagen
Der 1929 aufgelöste Landkreis Hagen hatte seinen Sitz in dem repräsentativen Gebäude an der Kreishausstraße. Das Gesundheitsamt Hagen wurde im ehemaligen Kreishaus untergebracht. Es befand sich in unmittelbarer Nähe zum Erbgesundheitsgericht im Landgerichtskomplex, mit dem es eng zusammengearbeitete. Auf dieser Karte ist das Kreishaus („Stadthaus III“) mit Vorgarten zu sehen.

„Sippenakten“ im Gesundheitsamt
Hagener Zeitung, 24./25. Oktober 1940
Das Gesundheitsamt begann mit der systematischen Erfassung der gesamten Hagener Bevölkerung, die kriegsbedingt scheiterte. Ziel war die Zuordnung der HagenerInnen in „Vollwertige“ und „Minderwertige“. Letztere erwarteten Zwangssterilisierung, Berufs-, Ausbildungs- und Eheverbote, Streichung jeder sozialen Leistung und nicht selten der Patientenmord.

Beigeordneter Wolfgang Kayser, undatierte Fotografie vor 1934?
NS-Propagandaheft „Drei Jahre nationalsozialistischer Aufbau in der Stadt Hagen“, S. 79
Kayser war im Alter von nur dreißig Jahren für das Jugend- und Gesundheitsamt verantwortlich. Seine Karriere bietet ein Beispiel für die Aufstiegsmöglichkeiten, die das Regime jungen skrupellosen Beamten bot.

„Volkspflegerin“ Erna Stoppenbrink
Stadtarchiv Hagen
Die Ärzte des Gesundheitsamtes wurden bei der Erfassung der „erbbiologisch minderwertigen“ Familien von neun „Volkspflegerinnen“ unterstützt. Sie übernahmen Aufgaben als Stadtteilkrankenschwestern und Sozialarbeiterinnen, wobei sie Hausbesuche abstatteten und die Verhältnisse in den ihnen anvertrauten Familien an die AmtsärztInnen weitergaben. Dabei stützten sie sich auch auf Aussagen von Nachbarn. Nach 1945 blieben sie im Amt.

Gesundheitsamt Hagen, 2025
Benno Arias Viebahn
Das Hagener Gesundheitsamt bzw. „Fachbereich Gesundheit und Verbraucherschutz“ ist heute weiterhin eine städtische Behörde mit vielfältigen Aufgaben, die vor allem der Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Hagener Bevölkerung dienen. Als Teil des Sozialstaates unterstützt das Amt das Recht auf Gesundheit jedes einzelnen Menschen.

Gedenktafel am Hagener Rathaus, 2025
Benno Arias Viebahn
2021 stellten Hagener SchülerInnen gemeinsam mit dem Hagener Geschichtsverein, dem Caritasverband und weiteren Partnern eine Ausstellung über NS-Eugenik in Hagen vor. Daraufhin entschied sich das Gesundheitsamt, Verantwortung für die eigene Vergangenheit zu übernehmen. Zur Erinnerung an die Opfer und als Zeichen gegen die Diskriminierung von Kranken und Menschen mit Behinderung wurde 2025 unter anderem eine Gedenktafel am historischen Rathaus enthüllt.
Ich will mehr wissen:
- Ausstellung „Gegen das Vergessen“, 2025
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Ausstellung „Gegen das Vergessen“, 2025
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Sabine Toppe, Mitläuferinnen, Nutznießerinnen und Täterinnen – die Beteiligung von Fürsorgerinnen im Nationalsozialismus, 2024, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv
- Statistisches- und Presse-Amt der Stadt Hagen (Hg.), Drei Jahre nationalsozialistischer Aufbau in der Stadt Hagen, Hagen 1937, S. 79ff.
- Rainer Stöcker, Hagener NS-Opfer. Zwangssterilisierungen in Hagen, Hagen 2019.
- Johannes Vossen, Gesundheitsämter im Nationalsozialismus: Rassenhygiene und offene Gesundheitsfürsorge in Westfalen 1900-1950, Essen 2001.
