Ernst Putzki
Franklinstraße 21
Ernst Putzki leistete trotz seiner Behinderung Widerstand
gegen die NS-Diktatur. Er verteilte Zettel, Gedichte und Zeichnungen, in denen
er die Nazis kritisierte. Er wurde 1945 in der Todesanstalt Hadamar ermordet
Ernst Putzki, geb. 1902,
wurde 1931 arbeitslos und aufgrund einer Krankheit für arbeitsunfähig erklärt.
Zunächst kam er in ein Obdachlosenheim. Ab 1933 wurde er in der Klinik Wunstorf
bei Hannover – einer späteren Anstalt des Euthanasieprogramms – therapiert,
zuerst gegen Rheuma, dann wegen einer dort diagnostizierten Geisteskrankheit.
Putzki wehrte sich gegen die Behandlung und sprach in einem Brief von
medizinischen Experimenten. Seine Familie konnte durchsetzen, dass er 1935
entlassen wurde.
Er wohnte mit seiner Mutter
in Wehringhausen. Am 10. Dezember 1942 wurde Putzki vor den Augen seiner Mutter
von SA-Männern brutal zusammengeschlagen und festgenommen. Er war aufgefallen,
weil er die Nazidiktatur offen kritisierte. Er verfasste laut der Gestapo
„Briefe und Zettel mit staatsfeindlichem Inhalt, die er in der Öffentlichkeit
verbreitete, um sich dadurch interessant zu machen.“
Ernst Putzki wurde für
geisteskrank und gefährlich erklärt und in verschiedene psychiatrische
Anstalten eingewiesen: Warstein (Sauerland), Weilmünster (Hessen) und zuletzt
Hadamar (Hessen), wo er im Januar 1945 ermordet wurde.
Die erhalten gebliebenen
Briefe an seine Familie, die von der Anstaltsleitung abgefangen wurden, zeigen
einen Menschen von klarem Verstand, der in der Lage war, die eigene Situation
zu analysieren. Dies gilt auch für die kritisch-ironischen Zeichnungen, die er
in dieser Zeit anfertigte.
2017 wurde im Rahmen der
Gedenkveranstaltung für die NS-Opfer im Bundestag der ermordeten Patienten
gedacht. Der Schauspieler Sebastian Urbanski verlas einen Brief von Ernst
Putzki, den dieser 1943 aus der Todesanstalt an seine Mutter schrieb.
2018 verlegten Hagener
SchülerInnen gemeinsam mit der Paulusgemeinde einen Stolperstein für Ernst
Putzki.

Ernst Putzki, 27.2.1943
LWV-Archiv, 12 K, 2274
Ernst Putzki kritisierte offen die Nationalsozialisten. SA-Leute überfielen ihn daraufhin 1942 in seiner Wohnung. Eine Zeitzeugin berichtete 1947: „Mutter Putzki weinte bitterlich, als ihr Sohn Ernst unter rohen Schlägen durch den Hausflur ins Auto geschleift wurde. Dieses jämmerliche Weinen veranlaßte Ernst Putzki, sich an der Haustür noch einmal umzudrehen und seiner Mutter beruhigende Worte zuzurufen. Er sagte wörtlich: , Mutter, weine nicht, ich bin morgen wieder bei dir, ich habe ja nichts Böses getan. ’ “ Daraufhin wurde er noch einmal geschlagen. „Du Schwein kommst nie wieder“, erwiderte einer der Angreifer. Er sollte Recht behalten.

Klinik Wunstorf bei Hannover, 2018
Pablo Arias Meneses
In der Anstalt Wunstorf wurden ab 1934 Patienten zwangssterilisiert. 1941 wurden 212 Patienten in „Euthanasie“-Anstalten deportiert und ermordet. Wunstorf spielte auch eine zentrale Rolle bei der Ermordung jüdischer Patienten. Sie wurden dort gesammelt und 1940 in die Todesanstalt Brandenburg an der Havel verlegt, wo sie vergast wurden.

Ehemalige Wohnung der Familie Putzki in der Franklinstraße 21, 2025
Benno Arias Viebahn
Hier wohnte Ernst Putzki bei seiner Mutter. Die Putzkis wohnten im Parterre. Laut einer Zeitzeugin sprach Ernst Putzki auf die Fensterbank gelehnt mit Nachbarn und spielenden Kindern und bastelte gern Holzspielzeug für sie.

Bericht über Ernst Putzki, 10.2.1942
Stadtarchiv Hagen
Die städtische „Volkspflegerin“ Else Wicke schrieb einen ungewöhnlich positiven Bericht über Ernst Putzki. Volkspflegerinnen hatten eine Ausbildung in den Bereichen Sozialarbeit und Krankenpflege. Sie statteten Hausbesuche ab. In der NS-Zeit hatten sie die Aufgabe, so genannte „Erbbelastete“ und „Minderwertige“ zu erfassen und anzuzeigen. Sie griffen auch auf Auskünfte der Nachbarn zurück.

Paulusgemeinde, Borsigstraße 11, 2019
Pablo Arias Meneses
Ernst Putzki war Mitglied der christlichen Gruppe „Eben-Ezer“, die sich bis in die 1980er Jahre in den Räumlichkeiten der heutigen Paulusgemeinde traf. Bibelarbeit, Gruppengebet, Sozial- und Jugendarbeit waren ihre Schwerpunkte. Aus theologischen Gründen stand sie dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber. In diesem Zusammenhang ist Putzkis politische Haltung zu verstehen, die ihm zum Verhängnis wurde.

Gedenkkapelle und Eisenbahnanschluss der LWL-Klinik Warstein, 2018
Pablo Arias Meneses
1575 Patienten wurden aus der Psychiatrischen Klinik Warstein in „Euthanasie“-Anstalten deportiert und größtenteils ermordet. Die ehemalige Kapelle der Klinik ist seit 1985 eine Gedenkstätte für die „Euthanasie“-Opfer. An einer Wand kann man ihre Namen lesen. Jedes Mal, wenn eine private Person eine symbolische Patenschaft für ein Opfer beantragt, wird der Name beleuchtet. Eine Hagener Schule übernahm 2018 die Patenschaft für Ernst Putzki. Die neben der Kapelle platzierten Eisenbahnschienen erinnern an die Deportationen.

Gedenktafel in der LWV-Klinik Weilmünster, 2020
Martina Viebahn
Die Gedenktafel ist typisch für den Umgang mit den Patientenmorden: Die Anstalt sei „missbraucht“ worden. Die Mitverantwortung der Ärzte und Pfleger wird auf diese Weise verschwiegen. Tatsächlich waren die Meisten von ihnen überzeugte Befürworter der „Euthanasie“ und NSDAP-Mitglieder.

Rauchender Schornstein des Krematoriums der Anstalt Hadamar, 1941
LWV-Archiv, 12 K, 4709
Mehr als 10.000 Menschen wurden 1941 in Hadamar ermordet. Dies war kein Geheimnis: Jeden Monat kamen Transporte mit hunderten von Patienten in die kleine Anstalt, keiner kam heraus. Der Schornstein des Krematoriums rauchte Tag und Nacht und konnte noch vom 10 Kilometer entfernten Limburg aus gesehen werden. Im Städtchen Hadamar waren die Morde ein offenes Geheimnis. Gerüchte über Hadamar verbreiteten sich auch schnell in ganz Deutschland.

Ernst Putzkis Brief, Anstalt Weilmünster, 3.9.1943
LWV-Archiv, 12 K, 2274
„Liebe Mutter! Wir haben heute schon 4 Jahre Krieg und den 3.9.1943. […] Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt, sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige. Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg. […] Der Hungertod sitzt uns allen im Nacken, keiner weiß, wer der Nächste ist. Früher ließ man in dieser Gegend die Leute schneller töten und in der Morgendämmerung zur Verbrennung fahren. Als man bei der Bevölkerung auf Widerstand traf, da ließ man uns einfach verhungern. […] Vor 5 Wochen haben wir zuletzt gebadet […] alle 14 Tage gibt es ein reines Hemd und Strümpfe […]. Euer Ernst.“

Zeichnung aus der Patientenakte von Ernst Putzki, 1943
LWV-Archiv, 12 K, 2274
Die Patientenakte von Ernst Putzki beinhaltet mehrere Zeichnungen, in denen er seine antinationalsozialistische Haltung zeigte. In dieser Zeichnung sieht man Hitler bei einer Rede am 1. Mai. Ein hinter Hitler stehender Teufel flüstert ihm zu: „Sag: , Die Vorsehung will es so!!!’“ Ironisch spricht Putzki an, dass Hitler, der sich wiederholt als von Gott auserwählt darstellte, eigentlich ein Werkzeug des Teufels sei. Das Publikum ist eine einförmige, gleichgeschaltete Menschenmasse.

Stolperstein, Franklinstraße 21, 2025
Benno Arias Viebahn
2018 verlegte der Hagener Geschichtsverein gemeinsam mit Mitgliedern der Paulusgemeinde und dem Bundestagsabgeordneten René Röspel einen Stolperstein vor der Wohnung der Familie Putzki.
Ich will mehr wissen:
-
Internetseite mit Biographien über „Euthanasie“-Opfer
-
Video Gedenkveranstaltung im Bundestag am 27.1.2017
-
vollständiger Brief von Ernst Putzki
- Pablo Arias Meneses,
Vergessene Opfer. NS-Euthanasie in Hagen, Hagen 2019, S. 77-79.
- Rainer Stöcker und Pablo
Arias Meneses, „Unbequem, weggesperrt, ermordet. Das Schicksal des Ernst
Putzki“, in Hagener Heimatbund (Hg.), HagenBuch 2021, Hagen 2020, S. 137-154.
