Allgemeines Krankenhaus
Grünstraße 35
Im damaligen Allgemeinen Krankenhaus wurden Patienten erfasst, die später auswärts ermordet wurden, darunter auch Kinder. Mehr als 500 Männer und Frauen aus Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis wurden dort zwangssterilisiert oder zur Abtreibung gezwungen.
Die Zwangssterilisierungen waren in der NS-Zeit kein Geheimnis: Die Hagener Presse und Jahresberichte der Stadtverwaltung nannten konkrete Zahlen.
Die Zwangssterilisierungen wurden nach Ende der Diktatur verdrängt und in keiner Publikation über das Krankenhaus erwähnt. Das war kein Wunder: Im Vorstand des Allgemeinen Krankenhauses saßen nach dem Krieg mindestens drei NS-Täter: Dr. Paul Haver, der Hunderte von Frauen und Männer zwangssterilisiert hatte, Dr. Karl Hartl, ehemaliger Richter im Erbgesundheitsgericht und der Rechtsanwalt und Notar Herbert Osthaus, Halbbruder von Karl-Ernst-Osthaus und einer der blutigsten Wehrmachtsrichter seiner Division.

Allgemeines Krankenhaus für die Stadt Hagen, 1940
Hagener Heimatbund

Agaplesion Allgemeines Krankenhaus, 2025
Benno Arias Viebahn
Von der alten Bausubstanz des Krankenhauses ist kaum etwas erhalten, ausgenommen das ehemalige Isolierhaus, das heute die Onkologie beherbergt. 1942/1943 wurde ein Hochbunker im Krankenhaus gebaut, der trotz der Verkleidung auf dem Bild gut zu erkennen ist. Die Hagener Hochbunker wurden von „Fremdarbeitern“ gebaut. Viele wurden auch in anderen Bereichen des Krankenhauses zur Arbeit gezwungen.

Agaplesion Allgemeines Krankenhaus, 2025
Benno Arias Viebahn
Die Sterilisationen im Allgemeinen Krankenhaus wurden erst 1996 in einer Publikation kurz erwähnt, im Standardwerk des Hagener Geschichtsvereins „Hagen unterm Hakenkreuz“. 2019 wurden sie von dem Hagener Historiker Rainer Stöcker erstmals untersucht. Auf der Internetseite des Konzerns Agaplesion, der erst seit 2016 Träger des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses ist, werden die NS-Verbrechen nicht erwähnt.

Stolperstein Gerda Oberbeck, 2025
Benno Arias Viebahn
2022 wurde vor dem Krankenhaus ein Stolperstein für die 17-jährige Gerda Oberbeck verlegt, die in Folge einer Zwangssterilisierung im damaligen Allgemeinen Krankenhaus starb. Der aktuelle Träger der Einrichtung lehnte die Verlegung des Stolpersteines vor dem Krankenhaus ab.

Dr. Paul Hartl, undatiertes Bild vor 1953
100 Jahre Allgemeines Krankenhaus für die Stadt Hagen. 1853-1953
Ärzte beteiligten sich freiwillig an den Zwangssterilisierungen. Für junge Ärzte wie Dr. Karl Hartl ermöglichte die NSDAP-Mitgliedschaft einen Karrieresprung. Hartl wurde 1936, im Alter von nur 34 Jahren, Chefarzt der Inneren Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses. Er war freiwillig im Erbgesundheitsgericht als Laienrichter tätig. Als solcher beschloss er Sterilisierungen mit, die eine einträgliche Einkommensquelle für sein Krankenhaus waren.

Karl Dünnebach, Patientenakte, 1934
LWV-Archiv, K 12 Nr. 3853
Karl Dünnebach wurde auf Initiative von Dr. Hartl zwangssterilisiert, obwohl er selbst in seinem Arztbericht vermerkte, dass die Krankheit nicht erblich bedingt war. Die Erblichkeit war jedoch eine gesetzliche Voraussetzung für die Zwangssterilisierung. Außerdem veranlasste Hartl die Einweisung Dünnebachs in eine psychiatrische Anstalt. Dünnebach wurde später im Rahmen der „Euthanasie“ ermordet.

Dr. Hartls Wohnung und Praxis an der Grünstraße 18, 2025
Benno Arias Viebahn
Fast gegenüber dem Allgemeinen Krankenhaus, in der Grünstraße 18, wohnte Dr. Hartl. Dort betrieb er bis 1938 und noch einmal ab 1945 auch seine private Praxis.

Wohnung von Dr. Karl Hartl, 2025
Benno Arias Viebahn
Dr. Hartl wohnte nach dem Krieg in der Buscheystraße 15, direkt am Allgemeinen Krankenhaus.

Dr. Hartl enthüllt eine Führerbüste im Krankenhaus
Hagener Zeitung, 3.5.1933
„Der Fest- und Freudentag am 1. Mai wurde auch im Allgemeinen Krankenhaus zu Hagen feierlich und würdig eingeleitet. Im Eingangsraum des Krankenhauses wurde in einer feierlichen Stunde und im Beisein von Vertretern der Verwaltung, der Partei, der SA, SS, DAF, der Ärzteschaft, Schwestern und der übrigen Gefolgschaft eine Führerbüste aufgestellt und eingeweiht […] Nach einer musikalischen Einleitung sprach Dr. Hartl, der Chefarzt der Inneren Abteilung des Krankenhauses. Dabei würdigte er die Bedeutung des 1. Mai als Freudentag der Nation und vergaß auch nicht, einen allgemeinen Rückblick zu halten auf die großen Etappen der nationalsozialistischen Aufbauarbeit in Deutschland. Er sagte dem Führer Dank für das Geschaffene und mit einem Bekenntnis zu ihm und zur Volksgemeinschaft enthüllte und weihte Dr. Hartl die Büste.“

Dr. Paul Hartl bekommt das Bundesverdienstkreuz
Westfalenpost, 17.4.1971
Von 1948 bis 1970 war Hartl als ärztlicher Direktor des Allgemeinen Krankenhauses tätig. 1956 wurde er als Vorsitzender der Hagener Ärztekammer gewählt. Er bekam den Silbernen Ehrenbecher der Ärztekammer Westfalen-Lippe und die Ernst-von-Bergmann-Plakette der Bundesärztekammer, außerdem 1971 das Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Hagener Oberbürgermeisters Loskand.
Ich will mehr wissen:
-
Ausstellung „Behinderung im Wandel der Zeit“, 2021
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Ausstellung „Hagener Opfer der NS-Militärjustiz“, 2021, Chart 10 über Herbert Osthaus
- Allgemeines Krankenhaus für die Stadt Hagen (Hg.), 100 Jahre Allgemeines Krankenhaus für die Stadt Hagen. 1853-1953, Hagen 1953.
- Deutsches Ärzteblatt, Heft 11 vom 19.3.1982, 79. Jahrgang.
- Jutta Kasfeld und Hermann Hassel, „150 Jahre AKH - eine Bürgerstiftung im Wandel der Zeit“, in: Heimatbuch Hagen + Mark 2003, Hagen 2002, 211-217.
- Rainer Stöcker, Vergessene NS-Opfer. Zwangssterilisierungen in Hagen, Hagen 2019.
- Pablo Arias Meneses, Das kurze Leben des Eduard Dunker. Hagener Opfer der NS-Militärjustiz, Hagen 2021, S. 101-103
