Gegen das Ver­ges­sen!

Pro­jekt zur Auf­ar­bei­tung be­hörd­li­cher Gräu­el­ta­ten wäh­rend der NS-Dik­ta­tur

Sich mit der ei­ge­nen Ver­ant­wor­tung wäh­rend der NS-Dik­ta­tur aus­ein­an­der­set­zen, die Schuld daran an­er­ken­nen und sich an­ge­mes­sen für das Ge­sche­he­ne ent­schul­di­gen: Mit der Ziel­set­zung, be­hörd­li­che Gräu­el­ta­ten wäh­rend der NS-Dik­ta­tur in Hagen auf­zu­ar­bei­ten, hat die Ca­ri­tas eine Pro­jekt­för­de­rung bei „Ak­ti­on Mensch“ ein­ge­reicht. Ge­mein­sam mit dem Ge­sund­heits­amt der Stadt Hagen, dem Ha­ge­ner Ge­schichts­ver­ein und unter ak­ti­ver Be­tei­li­gung von Men­schen mit einer Be­hin­de­rung sowie Stu­die­ren­den der Fach­hoch­schu­le Dort­mund soll im Rah­men eines Pro­jek­tes die Ver­ant­wor­tung städ­ti­scher In­sti­tu­tio­nen wäh­rend des Re­gimes auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Das Ziel: Einen an­ge­mes­se­nen Ort des Ge­den­kens schaf­fen, eine fort­lau­fen­de In­for­ma­ti­on der Öf­fent­lich­keit or­ga­ni­sie­ren und päd­ago­gi­sche Kon­zep­te er­ar­bei­ten.

 

Hart­mut Stadt­ler, er­mor­det 1942

Hin­ter­grund des Pro­jek­tes

Bis­lang fehlt in Hagen eine an­ge­mes­se­ne Er­in­ne­rung an jenes Un­recht, das Men­schen mit einer Be­hin­de­rung wäh­rend der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Dik­ta­tur er­fah­ren haben. Hier­zu ge­hö­ren die be­hörd­lich ver­füg­te Pa­ti­en­ten­tö­tung (so­ge­nann­te Eu­tha­na­sie), die Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on sowie die Zwangs­ab­trei­bung. Auch an­de­re mar­gi­na­li­sier­te Grup­pen wie Ho­mo­se­xu­el­le, Woh­nungs­lo­se sowie Sinti und Roma wur­den durch die Be­hör­den ver­folgt. Mitt­ler­wei­le ist das ge­sam­te Aus­maß der ge­nann­ten Gräu­el­ta­ten ge­schichts­wis­sen­schaft­lich er­fasst und die Ein­zel­fäl­le sind be­legt. Da ge­ra­de in Hagen be­son­ders viele Men­schen mit einer Be­hin­de­rung Opfer na­tio­nal­so­zia­lis­tisch mo­ti­vier­ten staat­li­chen Un­rechts ge­wor­den sind, be­steht eine be­son­de­re Ver­pflich­tung, diese Schuld ein­zu­ge­ste­hen und der Opfer wür­dig zu ge­den­ken.

Städ­ti­sche Ein­rich­tun­gen mit in der Ver­ant­wor­tung

Die Haupt­schuld an den auf­ge­ar­bei­te­ten Taten trägt zu gro­ßen Tei­len die da­ma­li­ge Ge­sund­heits­ver­wal­tung der Stadt Hagen. Ohne das Han­deln der Für­sor­ge­rin­nen und der Ärzte, ein­schlie­ß­lich der da­ma­li­gen Lei­tung des Ge­sund­heits­am­tes Hagen, wäre es nicht mög­lich ge­we­sen, so viele Men­schen einer Ste­ri­li­sa­ti­on oder Pa­ti­en­ten­tö­tung zu­zu­füh­ren oder aus­zu­gren­zen. 1933 be­gann die erb­bio­lo­gi­sche Er­fas­sung der ge­sam­ten Ha­ge­ner Be­völ­ke­rung. Eine tra­gen­de Rolle in der Se­lek­ti­on sowie der Fa­mi­li­en­for­schung – da­mals noch als Sip­pen­for­schung be­zeich­net – trug das Ge­sund­heits­amt. Es er­fass­te sys­te­ma­tisch unter an­de­rem In­for­ma­tio­nen über Er­kran­kun­gen, schlech­te schu­li­sche Leis­tun­gen, Un­fäl­le, Ar­beits­lo­sig­keit, psy­chi­sche Stö­run­gen, Vor­stra­fen und das Se­xu­al­le­ben von Ha­ge­ne­rin­nen und Ha­ge­n­ern. Hier­für wur­den unter an­de­rem große Ar­chi­vräu­me be­schafft, Mit­ar­bei­ten­de ein­ge­stellt sowie un­zäh­li­ge „Er­mitt­lun­gen“ ein­ge­lei­tet.

Ak­ten­be­stand do­ku­men­tiert Gräu­el­ta­ten

Heute be­sitzt das Ge­sund­heits­amt eine Liste mit fast 1.000 so­ge­nann­ter „Erb­ge­sund­heits­ak­ten“, bei denen es um Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen ging. Der Ak­ten­be­stand des Erb­ge­sund­heits­ge­richts von etwa 5.500 Ein­zel­fal­l­ak­ten wird im Stadt­ar­chiv auf­be­wahrt. Bis heute haben die da­mals be­trof­fe­nen Men­schen sowie ihre Fa­mi­li­en keine an­ge­mes­se­ne Ent­schul­di­gung be­zie­hungs­wei­se An­er­ken­nung ihres un­er­mess­li­chen Lei­des er­fah­ren. Die Über­le­ben­den der Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on lit­ten ihr ge­sam­tes Leben unter den kör­per­li­chen und psy­chi­schen Fol­gen, An­trä­ge auf Ent­schä­di­gun­gen wur­den fast aus­nahms­los ab­ge­lehnt. Häu­fig waren die Ärzte in den Ver­fah­ren die glei­chen Per­so­nen, die für die Ste­ri­li­sa­ti­on ver­ant­wort­lich waren. Weder sie noch die Für­sor­ge­rin­nen wur­den hier­für je­mals zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen. Sie durf­ten oft sogar im Amt blei­ben, er­hiel­ten für ihre Ar­beit teil­wei­se Aus­zeich­nun­gen oder konn­ten ihre be­ruf­li­chen Kar­rie­ren in an­de­ren ge­sund­heit­li­chen Tä­tig­keits­fel­dern fort­set­zen.

 

Im Rah­men der Auf­ar­bei­tung wurde 2018 das Buch „Ver­ges­se­ne Opfer. NS-Eu­tha­na­sie in Hagen" vor­ge­stellt. 303 Ha­ge­ner Bür­ger konn­ten als Opfer iden­ti­fi­ziert wer­den. 2019 folg­te „Ver­ges­se­ne NS-Op­fer. Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen in Hagen“, in des­sen Zuge auch die Aus­stel­lung „Be­hin­de­rung im Wan­del der Zeit“ statt­fand. Haupt­ak­teu­re waren die FH Dort­mund (mit dem Ha­ge­ner Pro­fes­sor Dr. Mi­cha­el Boecker), die Ca­ri­tas (mit Mein­hard Wirth) und das Rahel Varn­ha­gen Kol­leg (mit Pablo Arias Me­ne­ses).


Pro­jekt­trä­ger

Ca­ri­tas­ver­band Hagen e.V.

Berg­stra­ße 81, 58095 Hagen

Vor­stand: Rolf Nie­wöh­ner, Tors­ten Gun­ne­mann

www.​caritas-hagen.​de


Ca­ri­tas­rat

Prof. Dr. Mi­cha­el Boecker (Vors.)

Hel­mut Scho­cke (stellv. Vors.)


VR 1126 Amts­ge­richt Hagen

Pro­jekt­lei­tung

Dipl. Soz. Arb. Mein­hard Wirth M.A.

Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner

Ge­sund­heits­amt

Dr. An­ja­li Schol­ten

Fried­rich Schmidt i.R.

Mat­thi­as Kort­wit­ten­borg


Ha­ge­ner Ge­schichts­ver­ein e.V. 

Pablo Arias Me­ne­ses

Ru­dolf Damm 

Wal­ter Möl­ler 

Rai­ner Stö­cker


Fach­hoch­schu­le Dort­mund

Prof. Dr. Mi­cha­el Boecker

Wis­sen­schaft­li­che Be­glei­tung

Anna Arias Vie­bahn

Mar­ti­na Vie­bahn, M.A.

Gra­fik De­sign und künst­le­ri­sche Be­glei­tung

Chris­tof Be­cker

Tim De­ckert

Kon­takt

Dipl. Soz. Arb. Mein­hard Wirth M.A. · m.​wirth@​caritas-hagen.​de